Das Bundeskriminalamt hat gestern erstmals Zahlen zu einer neuen Kategorie von Straftaten vorgelegt: der „Thermosozialen Ausbeutung“. Die Aufnahme in die offizielle Kriminalstatistik erfolgt damit deutlich früher als erwartet und wurde von Experten seit längerem gefordert. Die Zahlen bestätigen, was Sozialverbände bereits vermuteten – die Kluft zwischen „Tag- und Nachtgesellschaft“ wird zunehmend kriminell ausgenutzt.
Exemplarisch dafür steht ein Fall, der selbst erfahrene Ermittler der Münchner Polizei schockierte. Eine 28-jährige Tagarbeiterin hatte über Monate hinweg einen Nachtarbeiter emotional manipuliert, um ihn finanziell auszubeuten. Die perfide Masche: Sie verkaufte „Zeitanteile“ an ihrer Klimaanlage und versprach einen klimatisierten Schlafplatz während der heißen Tagesstunden. Die verzweifelten Nachtarbeiter investierten ihre gesamten Ersparnisse, nur um dann festzustellen, dass die gleichen Zeitfenster mehrfach verkauft worden waren. Der Fall flog auf, als einer der Geschädigten kollabierte. Die Ermittlungen ergaben: Die Beschuldigte hatte systematisch die existenzielle Not ihrer Opfer ausgenutzt und parallel mehr als zwei Dutzend „Kühlungsanteile“ für die gleichen Zeitfenster verkauft. Der Gesamtschaden liegt im hohen sechstelligen Bereich.
„Thermal Grooming“ nennen Soziologen dieses Phänomen, das in den letzten Jahren immer mehr um sich greift. „Wir sehen eine systematische Ausnutzung verzweifelter älterer und alleinstehender Nachtarbeiter, die sich nach einem ‚normalen‘ Tagesleben sehnen“, erklärt Dr. Marcus Friedmann vom Institut für Klimasoziale Kriminologie an der TU Berlin.
Neue Delikte im Hitzestress
Die Statistiken sind alarmierend: Allein im letzten Jahr wurden bundesweit über 4.000 Fälle von „Thermo-Sozialer Ausbeutung“ registriert. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Die häufigsten Delikte:
„Cool-Fishing“: Tag-Singles täuschen romantisches Interesse vor, um Nachtarbeiter für günstige Haushaltsdienste während der Hitzeperioden zu gewinnen.
„Cryo-Blackmailing“: Erpressung mit der Drohung, den Zugang zu klimatisierten Räumen zu entziehen.
„Temperature-Trapping“: Das systematische Abhängigmachen durch schrittweise Gewöhnung an klimatisierte Lebensräume.
„Wir sprechen hier von einer neuen Form sozialer Gewalt“, sagt Kriminalhauptkommissarin Elena Weber. „Die Täter nutzen gezielt den Wunsch nach einem Leben in erträglichen Temperaturen aus und konzentrieren sich dabei auf die Bevölkerungsschichten, die besonders unter dem Hitzestress leiden.“
Eine neue Klassengesellschaft
Die meisten Opfer sind alleinstehende Millennials der Mittelschicht, die sich keine eigene Hightech-Kühlung leisten können und daher in Nachtschichten arbeiten. Ein biologischer Tag-Nacht-Rhythmus ist so nicht möglich, was erhebliche psychologische und physiologische Konsequenzen hat. Hinzu kommt, dass die Berufe der sogenannten „Nocturnals“ oft unterbezahlt sind, was die gesellschaftliche Isolation verstärkt. Die Selbstmordrate ist in dieser Schicht um konstant 20% höher als bei „Tagschichtlern“. „Viele träumen davon, der Nachtwelt zu entkommen“, erklärt Friedmann. „Diese Sehnsucht macht sie verletzlich für emotionale Manipulation.“
Die Bundesregierung reagiert mit verschärften Gesetzen. Der neue Paragraph 271a StGB stellt „thermosoziale Ausbeutung“ unter Strafe. Doch Experten sind skeptisch: Solange die Kluft zwischen den Thermoklassen bestehe, würden Menschen versuchen, sich Vorteile zu verschaffen: In die eine oder in die andere Richtung.
Hintergründe zur Thermo-sozialen Ausbeutung
„Steigende Hitze“ und „Großstadt“ sind eine fatale Kombination. So ist es durch den „Wärmeinseleffekt“ in Städten bis zu 10 Grad heißer als im Umland. Bei einer steigenden Anzahl „heißer Tage“, bei denen das Thermometer auf über 30 Grad klettert, sind kritische Werte schnell überschritten. Die Folgen: Mehr Hitzetote, mehr Überlastung des Gesundheitssystems, sinkende Wirtschaftsleistung – insbesondere in der Baubranche – und steigende Kriminalität. Wer es sich leisten kann, hat eine Klimaanlage und bleibt zu Hause. Das ist idealerweise auch das Home-Office. Alle anderen sind auf öffentliche Kühlräume angewiesen und darauf, nachts arbeiten zu können. Es ist naheliegend, das Hitzestress in Kombination mit Ausgrenzung und Isolation viele Menschen in die Verzweiflung treiben wird – und damit besonders anfällig für dubiose Angebote.
Weiterführende Quellen
Überblick über die gesundheitlichen Folgen und wirtschaftlichen Konsequenzen steigender Hitze.
Speziell zu den Auswirkungen von Hitze auf die Produktivität.
Ebenfalls zu Produktivitätseinbußen und Sterblichkeit.
