Wie sieht ein ganz normaler Tag in der Klimakatastrophe aus? Der „Klimawandel in Deutschland“ wird unseren Alltag grundlegend ändern. Das ist mir bei der Entwicklung eines fiktiven Newsfeeds für den 15. August 2030 nochmal geworden. Fassbar ist sie damit natürlich noch lange nicht. Denn ein grundlegend veränderter Alltag ist schlicht nicht vorstellbar. Zumal: Es ist ein Alltag in der Katastrophe, auch wenn sie sich als behäbig daherkommender „Wandel“ verkleidet hat. Nicht nur in Deutschland. Ich glaube, dass diese Prognose für Deutschlands Zukunft greifbarer wird, wenn die Annahmen dafür transparent sind. In diesem Artikel erkläre ich, warum die Katastrophennachrichten wie die Gestern vorweggenommen in Deutschland Alltag sein werden. Schon sehr schnell.
Der Klimawandel in Deutschland: Vom Modell zur konkreten Prognose
Um den Newsfeed zu erstellen, habe ich mir zunächst die aktuellen Messdaten angeschaut. Deutschland hat sich bereits um etwa 1,6°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau (1881-1910) erwärmt, während die globale Erwärmung bei etwa 1,2°C liegt. Diese überdurchschnittliche Erwärmungsrate in Mitteleuropa ist ein bekanntes Phänomen, da sich Landmassen generell schneller erwärmen als der globale Durchschnitt, der auch die sich langsamer erwärmenden Ozeane einschließt.
Der Weltklimarat (IPCC) geht in seinem Sechsten Sachstandsbericht davon aus, dass wir bei derzeitigen Emissionspfaden auf eine globale Erwärmung von etwa 2,8°C bis zum Jahr 2100 zusteuern. In einem pessimistischeren Szenario mit +4°C bis zum Jahrhundertende würde Deutschland bis 2030 bereits bei einer Erwärmung von etwa +2°C oder mehr liegen. „Pessimistisch“ heißt übrigens nicht „fiktiv“. Denn die französische Regierung betrachtet das Vier-Grad-Szenario inzwischen als wahrscheinlich und hält in Vorbereitung darauf ein jährliches Budget von 45 Milliarden Euro für nötig. Ja, jährlich.
Die vier Hitzewellen des Sommers
Die Prognose von vier Hitzewellen pro Sommer bis 2030 basiert auf Trendanalysen des Deutschen Wetterdienstes. Bereits zwischen 1951 und 2020 hat sich die Anzahl der Hitzetage (Tage mit Temperaturen über 30°C) in vielen Regionen Deutschlands etwa verdreifacht.
Bei einer weiteren Temperaturzunahme auf +2°C in Deutschland bis 2030 wäre eine Zunahme von Hitzewellen um 300% gegenüber dem Referenzzeitraum 1971-2000 eine konservative Schätzung. Die Häufigkeit von Extremwetterereignissen steigt nicht linear, sondern überproportional mit der Temperaturerhöhung, weshalb eine Zunahme um 400% oder mehr durchaus im Bereich des Möglichen läge.
Die prognostizierten 380 hitzebedingten Todesfälle in einer Augustwoche sind leider realistisch. Eine Studie des Bundesgesundheitsministeriums und des Robert Koch-Instituts schätzt, dass allein während der Hitzewelle 2018 etwa 8.700 hitzebedingte Todesfälle in Deutschland auftraten und während der Hitzewelle 2019 weitere 6.900. Bei häufigeren und intensiveren Hitzewellen könnte diese Zahl trotz verbesserter Anpassungsmaßnahmen weiter steigen.
West-Nil-Virus als endemische Krankheit
Die Ausbreitung des West-Nil-Virus ist bereits heute Realität. Erstmals 2018 in Deutschland nachgewiesen, breitet sich das Virus seitdem aus. Das Robert Koch-Institut verzeichnete bereits erste lokal erworbene Infektionen.
Die im Newsfeed genannten 250 schweren Krankheitsverläufe extrapolieren diese Entwicklung. Das Bundesamt für Naturschutz und das Umweltbundesamt prognostizieren, dass mit steigenden Temperaturen die asiatische Tigermücke und andere Mückenarten, die als Überträger fungieren, ihr Verbreitungsgebiet in Deutschland deutlich ausweiten werden. Welche Krankheiten uns in Zukunft in Deutschland noch erwarten, hatten wir hier schon was. Und hier hatten wir uns überlegt, was der auftauende Permafrost auf uns loslassen könnte.
Wassermangel und Wasserverteilungskonflikte
EU-Notfallplan zur Wasserverteilung
Die im Newsfeed beschriebenen Wasserkonflikte basieren auf bereits heute sichtbaren Trends. Der Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) zeigt, dass besonders Süd- und Ostdeutschland in den letzten Jahren verstärkt unter Trockenperioden leiden. Klimamodelle des UFZ projizieren für Mitteleuropa eine Zunahme der Länge von Dürreperioden um 20-30% pro Grad Celsius Erwärmung. Bei einer weiteren Erwärmung um etwa 0,5°C bis 2030 wäre die im Newsfeed genannte Verlängerung um 25% daher eine plausible mittlere Schätzung.
Besonders Brandenburg wird bereits heute als „Hotspot“ des Wassermangels identifiziert. Der Deutschlandfunk berichtete 2022, dass Teile Brandenburgs bereits „Wüstenstatus“ erreicht haben. Die stärkere Betroffenheit Südeuropas ist durch aktuelle Klimamodelle gut belegt, was die Plausibilität eines EU-weiten Wasserverteilungsplans erhöht.
Das Verbot privater Poolbefüllungen ist eine Maßnahme, die bereits heute in Dürreperioden in Teilen Deutschlands und Europas verhängt wird. Eine dauerhafte Regulierung wäre bei anhaltender Wasserknappheit eine logische Konsequenz. Das würde natürlich auch den Absatz von Trockenpflegemitteln wie Hairfresh steigern.
Reisewarnung für Teile Spaniens
Spanien leidet bereits heute unter erheblichem Wasserstress. Das spanische Umweltministerium und das „Spanish National Action Program to Combat Desertification“ weisen darauf hin, dass derzeit etwa 74% des spanischen Festlandes einem mittleren bis hohen Risiko der Desertifikation ausgesetzt sind (Fußnote. S.7, hier).
Das World Resources Institute stuft Spanien als Land mit „hohem“ bis „extrem hohem“ Wasserstress ein, besonders in den südlichen und östlichen Regionen. In seinem Bericht „17 Countries, Home to One-Quarter of the World’s Population, Face Extremely High Water Stress“ betont das WRI, dass die Wassersituation sich durch den Klimawandel weiter verschärfen wird.
Die im Newsfeed beschriebenen lokalen Unruhen extrapolieren diese Entwicklung unter Berücksichtigung der Verschärfung des Wassermangels. Konflikte zwischen Landwirtschaft, Bevölkerung und Tourismusindustrie um die knapper werdende Ressource Wasser sind bereits heute zu beobachten. Das Auswärtige Amt gibt bereits heute Reisehinweise bei extremen Wetterereignissen wie Dürren heraus – eine Ausweitung zu einer vollständigen Reisewarnung bei anhaltender Verschärfung der Situation wäre ein plausibler nächster Schritt.
Hier hab ich mir vorgestellt, wie und wo der Urlaub in der Zukunft aussieht – oder religiöse Praktiken.
Arbeitswelt im Klimawandel
Nächtliche Industrieproduktion
Die Verlagerung von Produktionsprozessen in die Nacht als Anpassungsstrategie an Hitzeextreme ist eine plausible Entwicklung. Bereits heute verursacht Hitze signifikante Produktivitätsverluste. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) prognostiziert in ihrer Studie „Working on a warmer planet“, dass bis 2030 weltweit jährlich etwa 2,2% der gesamten Arbeitszeit durch Hitzebelastung verloren gehen könnten.
Der prognostizierte Produktivitätsverlust von 2,5% an Hitzetagen und die daraus resultierende Verlagerung in die Nachtstunden ist vor diesem Hintergrund realistisch. Auch die gewerkschaftlichen Konflikte wären eine logische Folge, da Nachtarbeit mit gesundheitlichen Belastungen und höheren Lohnkosten verbunden ist.
In der deutschen Wirtschaft macht das produzierende Gewerbe etwa 25% des BIP aus. Wenn aufgrund von Hitzebelastung 10-15% dieser Produktion in die Nacht verlagert würden, wären etwa 2,5-3,75% der Gesamtwirtschaftsleistung betroffen. Die üblichen Nachtarbeitszuschläge liegen zwischen 25% und 50% des Grundlohns. Da Lohnkosten etwa 20-30% der Produktionskosten ausmachen, würde eine Verlagerung zu einer Kostensteigerung von etwa 5-15% für die betroffenen Produkte führen.
Unter Berücksichtigung der Gewichtung im Warenkorb und indirekter Effekte könnte diese Veränderung zu einer zusätzlichen Inflationswirkung von 0,5-1,0 Prozentpunkten führen. Die im Newsfeed genannten 0,8 Prozentpunkte liegen in der Mitte dieses plausiblen Bereichs.
Technologische Anpassunrgen
Autonome Busflotte
Die Prognose zum Einsatz autonomer Busse im Jahr 2030 basiert auf der aktuellen Entwicklungsgeschwindigkeit dieser Technologie. Bereits heute testen mehrere deutsche Städte autonome Shuttles im ÖPNV. PricewaterhouseCoopers (PwC) kommt in einer Studie zu dem Schluss, dass „autonome Busse in Zukunft zu einer besseren Versorgung des Landes durch den ÖPNV beitragen und das Problem des Personalmangels lösen könnten“.
Die Verknüpfung mit dem klimabedingten Nachtbetrieb erscheint vor dem Hintergrund des bereits heute bestehenden Fachkräftemangels im ÖPNV plausibel. Die Technologiereife für den Einsatz ohne Sicherheitsfahrer bis 2030 entspricht dem aktuellen Entwicklungstempo der Technologie, vorausgesetzt, die regulatorischen Rahmenbedingungen werden angepasst.
Internationale Klimapolitik
Europäisch-Asiatische Klimaallianz
Die Gründung einer Europäisch-Asiatischen Klimaallianz im Jahr 2028 extrapoliert aktuelle geopolitische Trends in der internationalen Klimadiplomatie. Die USA unter Präsident Trump haben sich 2017 aus dem Pariser Klimaabkommen zurückgezogen, was bereits damals zu einer Neuausrichtung der internationalen Klimapolitik führte. Nicht anders, aber wie zu erwarten, heute, 2025.
In der Folge haben China, Japan und Südkorea ihre Klimaziele verstärkt. China strebt an, vor 2060 klimaneutral zu werden. Die EU hat mit ihrer „Green Deal“-Strategie ebenfalls ambitionierte – mehr oder weniger – Klimaziele gesetzt und mit östlichen Partnerschaften Kooperationsmechanismen etabliert.
Eine verstärkte Kooperation zwischen der EU und asiatischen Ländern im Klimabereich ist vor diesem Hintergrund plausibel. Das im Newsfeed genannte Investitionsvolumen von 80 Milliarden Euro orientiert sich an bestehenden Klimafonds wie dem Green Climate Fund, jedoch mit einem stärkeren Fokus auf Technologieentwicklung statt Emissionsreduktion.
Deutschlands Zukunftsprognose: Klimabedingte Binnenmigration
Die prognostizierte Binnenmigration von Ost- nach Westdeutschland basiert auf der bereits heute sichtbaren unterschiedlichen Betroffenheit deutscher Regionen durch Klimawandelfolgen. Besonders Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt leiden bereits unter Wassermangel, wie der Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) zeigt.
Brandenburg hat etwa 2,5 Millionen Einwohner, Sachsen etwa 4 Millionen und Sachsen-Anhalt etwa 2,2 Millionen – zusammen also etwa 8,7 Millionen Menschen. Die im Newsfeed genannten 85.000 Klimamigranten würden etwa 1% dieser Bevölkerung ausmachen. Zum Vergleich: Bereits heute verlieren diese Bundesländer jährlich etwa 0,2-0,3% ihrer Bevölkerung durch Abwanderung. Eine Verstärkung dieses Trends durch klimabedingte Faktoren wie Wassermangel könnte die jährliche Abwanderungsrate auf 0,5-1,0% erhöhen.
Die im Newsfeed genannte Bevorzugung des Rheinlands und der niedersächsischen Küstenregion als Zielgebiete basiert auf Analysen zur zukünftigen Wasserverfügbarkeit in Deutschland. Diese Regionen werden voraussichtlich weniger stark unter Wassermangel leiden als der Osten Deutschlands.
Die globale Dimension klimabedingter Migration wird in verschiedenen Studien untersucht. Die Weltbank schätzt, dass bis 2050 allein in Subsahara-Afrika, Südasien und Lateinamerika bis zu 143 Millionen Menschen innerhalb ihrer Länder aufgrund des Klimawandels migrieren könnten.
Klimawandel Deutschland: Katastrophe nicht nur zur besten Sendezeit
Die im Newsfeed dargestellten Ereignisse in einem Klimaverwandelten Deutschland stellen keine unausweichliche Zukunft dar, sondern ein mögliches Szenario. Die konkrete Ausprägung des Klimawandels in Deutschland wird maßgeblich von globalen Emissionsreduktionen in den kommenden Jahren abhängen.
Das beschriebene Szenario geht von einem +4°C-Pfad bis 2100 aus, was bedeutet, dass Deutschland bis 2030 bereits bei etwa +2°C oder mehr liegen würde. Dies entspricht in etwa dem aktuellen Trend, wenn keine zusätzlichen Klimaschutzmaßnahmen ergriffen werden. Das Umweltbundesamt stellt fest, dass „die aktuellen Nationalen Minderungspläne zu einer globalen Erwärmung von 2,8°C bis 2100 führen“ würden.
Zusammenspiel von Klimawandel und Katastrophen
Eine wichtige Dimension der Zukunftsprognose für Deutschland ist das Zusammenwirken des Klimawandels mit anderen Umweltproblemen.
So verstärkt beispielsweise die Kombination aus höheren Temperaturen und veränderter Niederschlagsverteilung die Mobilisierung von Ewigkeitschemikalien (PFAS) im Boden, was zu höheren Konzentrationen im Grundwasser führen kann. Eine Studie des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) warnt, dass „die Umweltverschmutzung durch gefährliche und langlebige Chemikalien außer Kontrolle geraten ist“ und die „Belastungsgrenzen des Planeten überschritten“ hat.
Der kreierte Newsfeed für den 15. August 2030 zeigt ein Deutschland, das spürbar in der Klimakatastrophe angekommen ist.
Die Katastrophe: Wer spürt sie schon und wenn ja, welche?
„Spürbar angekommen“ – im Gegensatz mit „schon sinnlos da“. Damit meine ich all die bereits eingetretenen Katastrophen wie zum Beispiel das sechste Artensterben. „Sinnlos“, weil vielen von uns inzwischen der Sinn dafür fehlt, was eine glasklare Windschutzscheibe nach einer langen Autofahrt bedeutet.
Deutschlands Zukunftsprognose muss nicht zwangsläufig so aussehen wie im Newsfeed dargestellt. Mit entschlossenem Handeln beim Klimaschutz und bei der Anpassung an unvermeidbare Klimafolgen können wir eine resilientere Zukunft gestalten.
Aber wie entschlossen wollen wir eigentlich noch freitags ein paar Pappschilder hochhalten? Die Welt ist längst fossil abgebogen. Wir stehen an der falschen Stelle.
Wie finden wir die richtige Ausfahrt, um die Straße zu blockieren? Solidarisches Prepping ist im Moment die schlauste Antwort, die ich gefunden habe. Wie, warum, weshalb erklärt Tadzio Müller in diesem Interview.
